Steindenkmäler aus Carnuntum

Kult- und Weihedenkmäler aus der oberpannonischen Provinzhauptstadt

 

Aus dem Territorium von Carnuntum stammt eine große Menge an römerzeitlichen Steindenkmälern, die eine der ergiebigsten archäologischen Quellen für die Erforschung dieses Raumes in der Römerzeit darstellen. Allein im unmittelbaren Bereich der antiken Siedlungen von Carnuntum, also den heutigen Gemeinden Petronell und Bad Deutsch-Altenburg, wurde bislang eine geschätzte Anzahl von weit über 2000 Einzelobjekten aus Stein gefunden. Davon befindet sich der weitaus größte Anteil heute in den Ausstellungsräumen und in den Depots des Archäologischen Museums Carnuntinum.

In den Jahren 2005–2006 wurden die im Besitz des Landes Niederösterreich befindlichen römerzeitlichen Steindenkmäler in das Archäologische Depot Hainburg übersiedelt (Abb. 1). Zu diesem Zweck musste zunächst eine Bestandsaufnahme und Inventarisierung vorgenommen werden. Es ergab sich damit aber auch die günstige Gelegenheit, eine wissenschaftliche Untersuchung einzelner Denkmälergruppen anzuschließen.
Mit den derzeit am Institut für Kulturgeschichte der Antike an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und am Institut für Alte Geschichte und Altertumskunde, Papyrologie und Epigraphik der Universität Wien laufenden wissenschaftlichen Projekten ist die Basis für eine interdisziplinäre Zusammenarbeit im Sinne einer ganzheitlichen Neubewertung einzelner Denkmälergruppen gegeben.

Seit dem Erscheinen der ersten CSIR-Bände zu Carnuntum zwischen 1967 und 1970 sind die Bestände durch Neufunde bedeutend vermehrt worden und die Anforderungen an ein Corpuswerk haben sich wesentlich verändert.

Die Sammlung und Veröffentlichung großer archäologischer Fundmengen wird heute von leistungsfähigen Bilddatenbanken übernommen, die den Interessierten einen schnellen und umfassenden Überblick ermöglichen. Wissenschaftliche Untersuchungen können daher verstärkt auf bisher kaum berücksichtigte Details einerseits und auf vergleichende Interpretation der Denkmäler andererseits eingehen.

Das vorliegende Projekt hat die wissenschaftliche Neubearbeitung der Kult- und Weihedenkmäler aus dem unmittelbaren Siedlungsbereich von Carnuntum zum Ziel.
Es werden alle bekannten Steindenkmäler in öffentlichen und privaten Sammlungen des In- und Auslandes erfasst, für die ein Zusammenhang mit kultischen Aktivitäten angenommen werden kann. Durch die Ausgrabungen in den Carnuntiner Tempelbezirken auf dem Pfaffenberg (Abb. 2) und auf den Mühläckern sind ja in den vergangenen Jahrzehnten bereits erhebliche Fortschritte auf diesem Gebiet erzielt worden. Rund 750 weitere Steindenkmäler konnten bisher erfasst und aufgenommen werden.

Die Denkmäler werden vor Ort genau dokumentiert, wobei unter anderem auf Hinweise zur Herstellungstechnik, zur Funktion oder zum nachantiken Schicksal der Objekte geachtet wird. Zusätzliche Informationen werden durch die Untersuchung des verwendeten Steinmaterials gewonnen.
Die Neubewertung wird außer den Aspekten der Kunstgeschichte und Epigraphik auch solche der Sozial- und Religionsgeschichte sowie der Siedlungstopographie einbeziehen. So soll eine umfassende Würdigung der Objekte in ihrem kulturhistorischen Kontext ermöglicht und ihre Aussagefähigkeit zu bestimmten Fragen der Geschichte Carnuntums erhöht werden.

Nahezu die Hälfte der bislang aufgenommenen Objekte sind Altäre oder Postamente in Altarform, die in der Regel mit einer Inschrift versehen waren und entweder im Rahmen von Kulthandlungen Verwendung fanden oder als Weihedenkmal für eine oder mehrere Gottheiten errichtet wurden. Bei weiteren 5 % der Denkmäler handelt es sich um Inschriftplatten, die wohl im Zusammenhang mit Weihungen oder Bauwerken standen (Abb. 3).

Einen Anteil von insgesamt rund 28 % machen rundplastische Skulpturen aus, in den meisten Fällen kleinere Statuetten unterschiedlicher Qualität, die zur Ausstattung von Tempeln, kleineren Heiligtümern oder auch öffentlichen Bauten gehört haben dürften. Doch gibt es auch Teile lebens- oder überlebensgroßer Plastiken, für die eine Verwendung als Kultstatuen in Betracht kommt (Abb. 4). Weitere rund 11 % sind Reliefs unterschiedlicher Größe und Bestimmung (Abb. 5).

 Unter den bestimmbaren Gottheiten kommt der in Pannonien stark verehrte Silvanus mit verschiedenen Beinamen überdurchschnittlich häufig vor. Sehr zahlreich sind auch die Denkmäler des Jupiterkultes in all seinen Facetten (Abb. 6), gefolgt von der Gruppe der Götter orientalischer Herkunft. Viele Weihungen sind an die diversen Genien gerichtet, die besonders im militärischen Umfeld häufig angerufen wurden. Den besonderen Reiz macht aber die bunte Vielfalt der römischen Götterwelt aus, die sich aus den vielen Einzelheiten und Details dieser Denkmälergruppe erschließen lässt.

Mit Ende des Projektes im Jahr 2009 soll ein umfassender Überblick über die derzeit bekannten Kult- und Weihedenkmäler Carnuntums einen neuen Einblick in die „Kultlandschaft“ und die Opferpraxis im antiken Carnuntum ermöglichen.

Projektleitung: Gabi Kremer