Römische Malerei aus Carnuntum

Im Zuge der Nachgrabungen in der Zivilstadt von Carnuntum, die seit dem Jahre 2001 intensiv betrieben werden, kommen immer wieder kleinere Mengen an römischer Malerei zu Tage. Da provinzialrömische Malereifunde durch die schlechten Bodenbedingungen oftmals nur sehr kleinteilig und in fragmentarischem Zustand erhalten sind, sind die Forschungen auf diesem Gebiet bisher nur schleppend vorangekommen.

Umso überraschender war es, als im Sommer 2006 bei den Grabungen im Hof 85 der villa urbana eine Grube mit 3 m Durchmesser entdeckt wurde, die großformatige Malereibruchstücke enthielt. In monatelanger Kleinarbeit wurden die kreuz und quer liegenden Fragmente geborgen und teilweise schon am Grabungsort mit Gipsbettungen und Gaze gesichert (Abb. 1).

In weiterer Folge wurden etwa 190 Kisten befüllt mit Malerei zur Restaurierung nach Wien überführt, um im Anschluss in den Depoträumen der Kulturfabrik in Hainburg wissenschaftlich bearbeitet zu werden.

Auf einer fast 40 m langen Bahn aus Holzplatten (Abb. 2) wurden die Fragmente von einem Archäologen/Restauratoren – Team aufgelegt und vorsortiert.

Die  Ausgrabungen im Jahre 2007 förderten weitere große, zusammenhängende Malereistücke im Ausmaß von etwa 150 Kisten, zutage. Eine erste Sichtung ließ bereits aufgrund des verwendeten Dekorationsschemas eine Identifizierung als Wandmalerei zu.

Da die Vorbereitungen zur Rekonstruktion der villa urbana zu diesem Zeitpunkt bereits im Gange waren, sollten die ersten Ergebnisse der Malereibearbeitung in den Wiederaufbau einfließen, wodurch mehrere Rekonstruktionskonzepte erstellt wurden.

In den folgenden Monaten wurde jedes einzelne Fragment inventarisiert und in einer Datenbank erfasst. Die Bruchstücke wurden nach noch kleiner gefassten Gruppen sortiert, wobei nicht nur das dargestellte Bild, sondern auch die Oberflächenbeschaffenheit und die Zusammensetzung des Mörtels als Kriterien zur Gruppenbildung herangezogen wurden. Anfänglich wurde innerhalb der Gruppen, später auch gruppenübergreifend nach Anpassungen gesucht, um größere Einzelbilder zusammensetzen zu können. Da am Großteil der Malereifragmente Lattenabdrücke an den Rückseiten (Abb. 3) erhalten sind, stellte sich bald heraus, dass es sich im Wesentlichen um zwei große Deckensysteme handelt:

Von der achteckigen Kassettendecke mit blauen und roten Flächen haben sich zwar im Verhältnis nur wenige Fragmente erhalten. Doch wegen der gleichförmigen Ausgestaltung eines sich wiederholenden Musters und Dank mehrerer Schlüsselstücke (Abb. 4) konnte dieses Deckensystem zweifelsfrei rekonstruiert werden.

Bei der zweiten Deckenbemalung handelt es sich um eine gewölbte Decke mit mehreren verschieden geformten Medaillons mit Ganzfiguren (Abb. 5), Köpfen und Tieren sowie ornamentalen Details.

Das Erstellen einer Rekonstruktion für die letzt genannte Deckenmalerei gestaltet sich insofern schwierig, da nach derzeitigem Forschungsstand wenige Deckensysteme bekannt sind und zu Vergleichszwecken herangezogen werden können. In den meisten Fällen löst sich der mehrschichtige Verputz von dem einstigen Lattengerüst, wobei fehlende Abdrücke ein Erkennen als Deckenmalerei verhindern.

Folglich werden wohl einige der bisher publizierten Malereifragmente fälschlicherweise als WANDmalereien bezeichnet worden sein. Bei Wandmalereien existierte ein fixes System des Wandaufbaus aus Sockel, Mittel- und Oberzone, welches meist mit breiten und hohen Feldern im Wechsel gefüllt wurde. Deshalb reichen oftmals wenige Fragmente aus, um zumindest das Schema der einstigen Wandmalerei rekonstruieren zu können, wenn auch einzelne Details unbekannt bleiben. Da ein solcher Bildtypus bei Deckenmalereien nicht existiert ist es selten möglich, die ganze Decke in ihrer ursprünglichen Ausgestaltung zu erfassen.

Ähnlich verhielt es sich bei der Malerei der beiden Häuser I und II. Anhand nur fünf erhaltener Fragmente konnte ein Wandsystem aus roten und schwarzen Feldern rekonstruiert werden, welches mit so genannten Schirmkandelabern (Abb. 6) gefüllt wurde. Schirmkandelaber waren ein beliebtes Dekorelement des 1. Jh. n. Chr. und erfreuten sich in den Provinzen großer Beliebtheit.

Die in Haus I gefundenen Fragmente wurden in ihrer Zweitverwendung als Baumaterial zum Errichten einer Mauer des 4. Jh. n. Chr. verwendet. Da die Fragmente sehr großformatig sind, ist eine mehrfache Umlagerung auszuschließen, was beweist, dass diese Fragmente zu jener Zeit von der Wand entfernt wurden. Wann diese Malerei freilich an die Wand aufgebracht wurde, lässt sich nicht mehr festsetzten. Eine Datierung entsprechend der Vergleichsbeispiele in das 1. Jh. n. Chr. ist jedoch auszuschließen, da eine derartig langes Interesse an dieser Raumausstattung unwahrscheinlich ist. Dies ist insofern überraschend, da bisher keine solchen spät datierten Schirmkandelaberwände bezeugt sind. Es scheint sich also auf einen bewussten Rückgriff des Auftraggebers auf ein traditionelles Bildthema zu handeln. Eine Teilrekonstruktion dieser Malereiphase ist im Freilichtmuseum zu besichtigen.

Da im Bereich der villa urbana bereits in den 1960er Jahren unter R. Swoboda-Milenović Ausgrabungen vorgenommen wurden, war bald klar, dass die Altfunde aus diesen Bereichen in die Bearbeitung der Malerei einbezogen werden müssen. Aus diesem Grund kam die Idee auf, die gesamte in der antiken Zivilstadt von Carnuntum gefundenen Malereistücke in einer umfassenden Monografie vorzustellen. Behandelt werden die Funde aus den beiden Häusern I und II, der Therme, der villa urbana, sowie die Altfunde der genannten Bereiche. Ziel dieses Projektes ist es, einen Beitrag zu Malereiforschung der Provinzen zu liefern und die gut dokumentierten Grabungsergebnisse mit dem Fundmaterial zu verbinden. Hierdurch war es möglich, Datierungen, Raumzuweisungen und Rekonstruktionen festzulegen, die Aussagen zum Verwendungszweck des gesamten Baus, sowie der einzelnen Räume erlauben.

 

Projektleitung: C.-M. Behling

Abb. 1: D. Katzjäger; Abb. 2-6: C.-M. Behling