Archäologie und Bauforschung im Bereich von ‚Haus IV b-c’ der Zivilstadt Carnuntum: Erste Zwischenergebnisse der Grabungskampagne 2010
Seit Mitte März 2010 werden die in den Jahren 2008 bis 2009 begonnenen Grabungen auf den beiden, an der südöstlichen Peripherie der Zivilstadt Carnuntum gelegenen und als ‚Haus IV b-c’ bezeichneten Parzellen fortgesetzt (Abb. 1: Befundplan der Grabungen 2008-2010, Stand Juni 2010). Die in den Untersuchungen der vorangegangenen Jahre gewonnenen Erkenntnisse zur bauhistorischen Entwicklung des Komplexes konnten dabei weiter differenziert und die stratigraphische Abfolge sowie die damit verbundene Einteilung der Bauphasen durch zusätzliche Evidenz in wesentlichen Punkten ergänzt werden. Der Zustand des römischen Mauerwerks ist trotz der teilweise massiven modernen Eingriffe als durchwegs gut bis sehr gut zu bezeichnen. In allen Bereichen sind teilweise mehrphasige Fundamente, in einigen Abschnitten des Untersuchungsareals sogar Reste aufgehender Mauerpartien erhalten. Von Anfang bis Ende April 2010 konzentrierten sich die Freilegungs- und Dokumentationsarbeiten auf den Bereich des Intervallums südlich von Haus III und ‚Haus IVa’. Hier kam es aufgrund der Errichtung einer neuen Umfahrungsstraße zu einer Rettungsgrabung, die von der Belegschaft des Projektes „Haus IVb-c“ durchgeführt wurde.
Bauphase I (spätflavisch-trajanisch)
Im
Nordwesten des späteren Hofbereiches Raum 11 konnten im Jahr 2010 neue
strukturelle Befunde der Bauphase I aufgedeckt werden. Ein Balkengraben mit
integrierten Pfostenlöchern könnte die erste Westbegrenzung der Parzelle von ‚Haus
IVb’ nach Norden hin markieren. Weitere Balkengräben liegen im Süden und
Südostend des Areals (Abb. 2: Balkengraben im Bereich des späteren Raumes 45).
Mehrere Pfostenlöcher lassen sich vorläufig noch zu keiner verständlichen
Struktur ergänzen. Der Beginn von Bauphase I, die demselben
Parzellierungskonzept wie die frühen Befunde in der ‚Villa Urbana’ folgt, ist in
spätflavisch-trajanischer Zeit anzunehmen.
Bauphase II (erstes Drittel 2. Jh.
n. Chr.)
In der
zweiten Bauphase, die vorläufig in das erste Drittel des 2. Jhs. n. Chr.
datiert werden kann, wurden die ursprünglichen Laufhorizonte großflächig
überschüttet. Die Planie aus humosem, artefakthältigem Erdmaterial wurde
großteils direkt als neuer Laufhorizont genutzt. Im Nordwestbereich und im
eigentlichen Kerngebäude von ‚Haus IVb’ konnten bislang allerdings noch keine
substanziellen Reste von Bauphase II gefasst werden.
Bauphase III (Mitte 2. Jh. n. Chr.)
Um die
Mitte des 2. Jhs. n. Chr. wurde der ummauerte Kernbereich von ‚Haus IV b-c’ erstmals
errichtet. Das Gebäude bestand aus soliden Mörtel-Bruchsteinmauern, über denen
sich teilweise wohl Lehmziegelarchitektur erhob. In Raum 22 wurde im März 2010
eine ausgerissene Rutenputzstruktur festgestellt, die zu einem offenbar
rechteckigen soliden Vorgängergebäude gehörte, dessen Dimensionen sich bislang
allerdings noch nicht abschätzen lassen.
Bauphase IV (frühseverisch)
Anknüpfend
an eine bereits 1992 durchgeführte Notgrabung unter der mittlerweile aufgelassenen
Schloßstraße wurden die gesamte Südfront des Hauses III und der ambitus-artige
Trennbereich zu ‚Haus IVa’ freigelegt. Die Südbegrenzung von Haus III wird von
einer bis zu 1,85 m hoch erhaltenen Hausteinmauer mit äußerst sorgfältigem
Fugenverstrich gebildet (Abb. 3: Südmauer von Haus III, Ansicht von Süden).
Diese Mauer, die in ihrem westlichen Abschnitt eine an der Basis 2,70 m breite
Toröffnung aufwies, stand im Verband mit
einem Ost-West orientierten Gerinne, das offenbar in Art einer Drainage Wasser
nach Osten ableiten sollte. Ausweislich des stratigraphischen Befundes wurden
Mauer und Gerinne im selben Bauvorgang wie die Wallanschüttung zur Stadtmauer
angelegt. Dadurch ergibt sich eine zwingende Zuweisung dieser Strukturen zu der
frühseverischen Bauphase IV aus ‚Haus IVb-c’. Quer durch das Intervallum und in
den Bereich zwischen die Häuser III und IVa hinein verlief eine Südwest-Nordost
orientierte Wasserleitung, die möglicherweise ebenfalls im Zusammenhang mit der
Errichtung der Stadtmauer steht und deshalb vorläufig Bauphase IV zugewiesen
werden soll. Die innere lichte Weite des Gerinnes betrug etwa 0,50 m. Zwei neben
einander liegende, zentrisch durchbohrte Nadelholzstämme bildeten innerhalb der
gemauerten Wangen ein Röhrensystem aus, das wohl der separaten
Fließwasserversorgung verschiedener Empfänger dienen sollte (Abb. 4:
Intervallum südlich von Haus III, Wasserleitung mit Holzrohren). An den Flanken
der Einsetzgrube der Gerinnewangen wurden im regelmäßigen Achsabstand von 1,20
m mehrere angespitzte und nachträglich abgesägte Kanthölzer geborgen, die als
Reste der nach Errichtung des Kanals abgetragenen Baugrubenverschalung
interpretiert werden können.
Bauphase V (letztes Drittel 3. Jh.
n. Chr.)
Im letzten
Drittel des 3. Jhs. n. Chr. wurde die Südmauer des Kerngebäudes von ‚Haus IVb’
vollständig erneuert. In den Südbereich des Kerngebäudes fügte man in Phase V
eine beheizte und wohl reich mit Wandmalerei, Bodenmosaik und Stuckgesimsen
ausgestattete Raumgruppe ein, die den bereits in Phase IV erreichten Komfort
noch weiter steigerte. Ebenso wie in dem Korridorbereich Raum 12 wurde auch in
Raum 22 ein Ziegelmosaikboden eingebracht, von dem sich noch geringe Reste in situ fanden. Der westliche Abschnitt
des Hofbereiches Raum 11 wurde in Phase V durch eine bislang noch recht
ausschnitthaft ergrabene Gebäudestruktur begrenzt, die im Laufe der nächsten
Grabungsmonate eines der wesentlichen Ziele für die weiteren Forschungen bilden
wird.
Bauphase VI (Mitte 4. Jh. n. Chr.?)
Über Phase
V hinausgehende Baumaßnahmen können in das fortgeschrittene 4. Jh. n. Chr.
datiert werden. Die seit März 2010 wiederaufgenommenen Untersuchungen haben im
Westbereich des Hofes Raum 11 erstmals auch konkrete bauliche Befunde und münzdatierte
stratigraphische Kontexte zu dieser Bauphase VI ergeben. Die baulichen
Modifikationen umfassten in diesem Abschnitt des Gebäudes den Einbau einer wohl
als Ofen zu interpretierenden Struktur sowie mehrerer Mauerzüge. Änderungen im
Grundriss fanden auch im Kerngebäude statt, wo eine Schlauchheizung in Raum 25
integriert wurde. Auch die Zusetzung des Bereiches zwischen den Häusern III und
IVa, die Anlage eines neuen Drainagesystems sowie die letzte Erhöhung des
Intervallums und der Schwelle in der Südmauer von Haus III sollen vorerst
hypothetisch den Maßnahmen der Bauphase VI zugewiesen werden.
Bauphase VII (Ende 4./Anfang 5. Jh.
n. Chr.)
Der
Westbereich des Hofes Raum 11 lieferte auch in Hinblick auf die späteste
römische Besiedlung der Zivilstadt von Carnuntum wichtige neue Evidenz. So
stehen nicht nur die Anlage einer großen, mit Schutt und einer signifkanten
Menge an Metallabfällen verfüllten Grube, sondern auch die Errichtung neuer
Mauerzüge in Zusammenhang mit einer offenbar nicht unbeträchtlichen
Siedlungsaktivität des frühen 5. Jhs. n. Chr.
Grabungsleitung: Dominik
Maschek