Startseite > Aus der Welt der Archäologie > Archiv > Die Weststraße - der Grabungsbefund

Die Weststraße - der Grabungsbefund

Im Kernbereich des Freilichtmuseums, im sog. Spaziergarten südlich von Schloss Petronell wurde von E. Swoboda in den Jahren 1948 bis 1957 eine insula freigelegt, die von vier Straßenzügen begrenzt ist (Abb. 1). Die vier Straßen wurden bis auf das heute sichtbare Straßenpflaster freigelegt und nach den Himmelsrichtungen bezeichnet: Süd-, West-, Nord- und Oststraße (Abb. 2). Zur Erforschung der Straßenunterbauten wurden Ende der achtziger Jahre erstmals systematische Untersuchungen an der Nordstraße angesetzt. Im Anschluss daran wurden in den neunziger Jahren weitere Ausgrabungen und Restaurierungen an der Südstraße vorgenommen. Die neueren Untersuchungen in den Jahren 2002 bis 2003 an der Weststraße erbrachten aufgrund des guten Erhaltungszustandes der Unterbauten und der kontextorientierten Auswertung des Siedlungsabfalls weitere äußerst wichtige Ergebnisse für die stadtbaugeschichtliche Entwicklung des Verkehrsnetzes, vor allem aber der wasserbaulichen Infrastruktur der Zivilstadt von Carnuntum.

Straßenbaugeschichte

Die neueren archäologischen Untersuchungen der antiken Straßenzüge ergaben für die Straßenbaugeschichte der Zivilstadt eine chronologische Abfolge vom Ende des 1. bis ins 5. Jahrhundert n. Chr.:

Im Zuge von ersten Bautätigkeiten im Bereich der zivilen Siedlung erfolgte bereits in flavischer Zeit (Regierungszeit Domitians) der Bau von systematisch angelegten Schotterstraßen (Phase 1).

Am Anfang des 2. Jahrhunderts (Regierungszeit Hadrians) erfolgte im Rahmen eines umfangreichen Siedlungsausbaues (u.a. Errichtung der Therme, Steinbauweise der Wohnhäuser) die infrastrukturelle Anlage eines Frisch- und Abwassersystems unterhalb des gesamten zivilen Straßennetzes, wobei auch die Schotteroberflächen neu aufplaniert und ausgebaut wurden (Abb. 3). Zeitgleich wurde im südwestlichen Randbereich der Weststraße ein Wasserverteiler mit mehreren unterirdischen Kanälen für die Frischwasserversorgung erbaut (Phase 2). Von der Nutzung dieser Straßen haben sich im Bereich der Weststraße antike Wagenspuren erhalten (Abb. 4). In der zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts sind an den Straßen kleinere Ausbesserungsarbeiten zum Niveauausgleich belegt. Das Abwasserkanalsystem wurde im dritten Viertel des 2. Jahrhunderts mit sandigem Erdmaterial zugeschwemmt und nicht mehr instand gesetzt. Das darin geborgene Fundmaterial setzt sich vor allem aus städtischen privaten und gewerblichen Siedlungsabfällen zusammen (Phase 3).

Eine völlige Neugestaltung der Straßeninfrastruktur ist ungefähr gegen Ende des 2. Jahrhunderts anzusetzen (Regierungszeit Severer) und mit einem großen urbanistischen Ausbau im städtischen Bereich in Zusammenhang zu bringen. Da das frühere Abwasserkanalsystem außer Funktion war, wurde die Entwässerung auf größere Fließkanäle unter der Mitte der Straße umgestellt. In diese Hauptsammelkanäle mündeten kleinere Seitenkanäle aus den öffentlichen und privaten Bauten der beiden Siedlungsterrassen. Die bereits in Bauphase 2 angelegte Frischwasserleitung blieb weiterhin in Verwendung. Im Zuge dieser Baumaßnahmen wurde erstmals eine Straßenpflasterung aus großen Kalksandsteinplatten verlegt (Phase 4) (Abb. 5). Diese Straßenoberfläche wurde dann abgesehen von einigen Ausbesserungen bis ins 4. Jahrhundert benutzt. Im späten 3. Jahrhundert wurden einige Abschnitte der Abwasserkanäle mit Siedlungsmüll, u.a. Hausrat, Speise- und Schlachtabfälle, zugeschwemmt und nicht mehr gereinigt, bis dann am Anfang des 4. Jahrhunderts einige Bereiche des Abwasserkanalsystems entlang der Weststraße vermurten und nicht mehr in Funktion gebracht wurden (Abb. 6). Der größere Hauptsammelkanal unter der Nordstraße war aber weiterhin funktionstüchtig. Auch sind abschnittweise Teile der Frischwasserversorgung zusammengebrochen (Phase 5). In der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts wurden zahlreiche Ausbesserungen der Straßenoberfläche durchgeführt. Einige Kanäle der Frischwasserleitung wurden mit Erdmaterial verschüttet. Der dadurch entstandene Niveauunterschied wurde mit einer Planierung ausgeglichen und das Straßenpflaster in diesen Bereichen neu wiederverlegt. Der Hauptkanal entlang der Nordstraße erfuhr umfangreiche Ausbesserungsarbeiten, wobei die Kanalwände mit Ziegeln und Steinen wieder aufgemauert wurden (Phase 6).

Ein massives Erdbeben zerstörte im dritten Viertel des 4. Jahrhunderts große Teile von Carnuntum (vgl. die Befunde im Legionslager, Auxilliarkastell und Canabaebereich), deren Auswirkungen auch in der Zivilstadt zu beobachten sind. Denn genau zu diesem Zeitpunkt kam das gesamte Ab- und Frischwassersystem endgültig zum Erliegen und verfiel. In den zugeschwemmten Kanälen fanden sich massive Steinverstürze und reichlich Siedlungsabfall (Phase 7). Über die Nachnutzung der Verkehrwege im städtischen Siedlungsbereich ist bislang noch wenig bekannt. Jedenfalls wurde in späterer Zeit an den Straßen ein massiver Steinraub zur Gewinnung von Baumaterial betrieben. Dieser zeigte sich vor allem an der Kanalkreuzung unter der Südstraße, im Wasserbecken und in einigen Bereichen der Straßenpflasterung im zivilen Stadtviertel von Carnuntum (Phase 8).

Projektleitung: Silvia Radbauer