Die malakologische Untersuchung ergab insgesamt 51 Arten von Mollusken, davon 3 importierte marine Arten. Insgesamt waren es 4400 Exemplare. Das Material umfasste einesteils bereits aussortierte Schalen bzw. –fragmente großer und mittelgroßer Arten, anderenteils zahlreiche Kleinschnecken, die aus den Schlämmproben für die archäobotanischen Untersuchungen stammen. Ersteres, größtenteils Weinbergschnecken und vereinzelte kleine Helicoidea, konnte vom kulturhistorischen Aspekt her diskutiert werden, letzteres ermöglichte coenologische und tiergeographische Analysen.
Viele der Weinbergschnecken-Schalen und einige der kleineren Helicoidea sind als Nahrungsabfall zu interpretieren, da sie in bezeichnender Weise zur Entnahme des Tierkörpers aufgebrochen sind bzw. Brandspuren zeigen (Abb. 1). Die an einigen der Schalen auftretenden Lochungen lassen verschiedene Deutungsmöglichkeiten zu: Die größeren, weniger sorgfältig ausgeführten könnten dem Druckausgleich im Zusammenhang mit dem Kochvorgang gedient haben, wie es G. Falkner (1997, 93) beschreibt. Die kleinen, präzise gesetzten könnten teils den amuletthaften Charakter der Schneckenschale unterstreichen, teils vielleicht zur Befestigung gedient haben. Vermessungsserien an den Helix-Schalen zeigten ein Vorherrschen eher kleiner, festschaliger, kompakt wirkender Individuen, die vermutlich aus der unmittelbaren Umgebung stammen, in Verfüllungen des Hauptkanals (2. Hälfte 3. Jhdt.) und in den neuzeitlichen Aufschüttungen. Einige der Fundkontexte enthalten aber große, dünnschalige Individuen mit blasig aufgetriebenem letztem Umgang, die entweder aus dem Hinterland stammen oder möglicherweise sogar importiert worden sind. Diese Kontexte stammen hauptsächlich aus dem 2. Jahrhundert n. Chr., vor allem aus dessen 2. Hälfte. Es ist auch nicht auszuschließen, dass es sich um eigens für den Konsum gemästete Tiere handelt.
Fragmente von Süßwassermuscheln waren nur sehr spärlich enthalten, sie scheinen als Nahrungstiere keine Rolle gespielt zu haben.
Die Deutung der drei marinen Arten ist schwierig. Sie stammen sämtlich aus Verfüllungen des Hauptkanals (2. Hälfte 3. Jahrhundert n. Chr.). Es handelt sich um ein Exemplar einer Purpurschnecke (Trunculariopsis trunculus) (Abb. 2), ein Klappenfragment der Europäische Auster (Ostrea edulis) (Abb. 3) und ein stark abgeschliffenes Klappenfragment einer Meermandel (Glycymeris sp.). Die beiden ersteren sind diejenigen Meerestiere, die man mit römischen Siedlungsobjekten gerne in Verbindung bringt: Einerseits aus kulinarischen Gründen, vor allem die Auster, aber auch die Muricidae, andererseits im Zusammenhang mit der Textilfärbung als Statussymbol. Da es sich um Einzelindividuen handelt, ist eher nicht an Nahrungsabfall zu denken. Zur Herstellung des Purpurfarbstoffes wurden außerdem riesige Zahlen an Schnecken benötigt, daher war die Färbung mittels des frischen Drüsensekretes auf die Küstengebiete beschränkt. Diese Schalen könnten vielleicht Sammlerstücke oder Dekorationsobjekte gewesen sein, vor allem die der Purpurschnecke; sie ist vollständig erhalten. In der Literatur wird auch eine mögliche Verwendung der Schalensubstanz zu kosmetischen oder pharmazeutischen Zwecken diskutiert; dafür gibt es aber hier keinen Hinweis, auch aus dem Fundzusammenhang nicht.
Die faunistische Analyse ergab verschiedene Parallelen zu den Befunden aus der Grabung 1986 im Auxiliarkastell und der Zivilstadt Carnuntum (Frank 1988). Es ließ sich eine überwiegend trockene, wenig gebüschbewachsene, anthropogen geprägte Landschaft rekonstruieren. Die Wassernähe (Kanäle) geht aus der Präsenz einzelner hochhygrophiler bzw. wasserbewohnender Arten (Abb. 4) hervor (besonders Zonitoides nitidus, dazu Vertigo antivertigo, Vertigo angustior, Vallonia enniensis bzw. Galba truncatula, Radix peregra, Anisus septemgyratus, Anisus vortex und Gyraulus laevis).
Christa Frank