Ziel der Nachuntersuchungen war die möglichst vollständige Freilegung und Dokumentation jener Siedlungshorizonte, die von den Altgrabungen der Jahre 1949-51 unberührt blieben. Den Ausgangspunkt der Grabungen bildete der durch die Altgrabungen ermittelte und rekonstruierte Befund (Abb. 1: Schematischer Bestandsplan nach den Rekonstruktionen der 1950er-Jahre), der eine Gliederung in einen nördlichen Raumkomplex mit vier Räumen und einer kleinen Hoffläche und einen südlichen Bereich mit einer großen Hoffläche und zwei weiteren Räumen erkennen lässt. Den Schwerpunkt der archäologischen und baugeschichtlichen Untersuchungen des aktuellen Grabungsprojektes bildet der nördliche Bereich von Haus III, dem bereits im Zuge der Rekonstruktionsmaßnahmen der 1950er-Jahre die wesentliche Aufmerksamkeit geschenkt wurde.
Auf Basis der bereits vorgenommenen Untersuchungen in den benachbarten Häusern I und II, die zusammen mit Haus III einen Häuserblock bildeten, ist eine Interpretation der neu ergrabenen Befunde im siedlungsgeschichtlichen Kontext und mit Methoden der ortsinternen Siedlungsanalyse anzustreben. Konnten mit den Arbeiten des letzten Jahres bereits sichere Bezüge zu den bereits untersuchten Stratifikationen von Haus II und der Südstraße hergestellt sowie erste Erkenntnisse zur Bau- und Nutzungsgeschichte am Areal von Haus III gewonnen werden, so erweiterten und konkretisierten die diesjährigen Untersuchungen die Ergebnisse zur Chronologie sowie zu Funktion und Aussehen der Bebauung bzw. Nutzung. Mit dem Abschluss der archäologischen Untersuchungen sind darauf fußend neue Restaurierungs- und Präsentationsmaßnahmen zu erstellen und in das Präsentationskonzept des Archäologischen Parks Carnuntum einzugliedern.
Ergebnisse
Übereinstimmend mit den Ergebnissen der archäologischen Nachuntersuchungen in den benachbarten Häusern I und II ist auch für Haus III festzustellen, dass die Mauern der Schauruine ursprünglich unterschiedlichen Bauperioden entstammten. Im Areal im Norden von Haus III konnten sieben Hauptnutzungsperioden definiert werden (Perioden 0-VI, Abb. 2: S-Profil des Schnitts H3R2Q1 in Raum 2), die zwischen dem späten 1. Jh. n. Chr. und der 2. Hälfte des 4. Jhs. n. Chr. aufeinander folgten. Dank sicherer stratigraphischer Bezüge zu Haus II sowie dank stratigraphischer und niveaumäßiger Bezüge zur Südstraße können sie in den Kontext der neueren Grabungsergebnisse gestellt werden. Diese Bezüge erlauben auch bereits vor Auswertung des keramischen und numismatischen Fundmaterials eine erste absolutchronologische Einordnung.
Perioden 0 und 1
Wie im übrigen bislang untersuchten Bereich des Stadtviertels im Spaziergarten/Petronell entstammen auch im Areal von Haus III die frühesten Bau- und Nutzungshorizonte dem sp. 1. Jh. n. Chr. Aufgrund des hohen Grundwasserstandes konnten sie im untersuchten Areal jedoch nur in kleinen Ausschnitten exponiert werden.
Ein bereits nördlich der Häuser I und II dokumentierter, gedeckter Wandelgang entlang der Südseite der Südstraße begrenzte wohl auch die Parzelle von Haus III während Periode 0 nach Norden hin. Die Fläche unmittelbar südlich des Gangs diente in der Zeit der Siedlungsnahme großflächig der Gewinnung von Baumaterial. Eine bereits im Norden von Haus II erfasste Materialentnahmegrube konnte weiter nach Osten und Süden verfolgt werden, ohne dass die Grenzen der Ausdehnung ausgemacht werden konnten. Eine etwaige Parzellentrennung zwischen Haus II und Haus III bereits in dieser frühen Phasen kann zumindest für den Bereich südlich der Südstraße somit ausgeschlossen werden. Die weitläufige, in den anstehenden Tegel abgetiefte Materialentnahmegrube im Norden des Areals wurde nach Gewinnung des Baumaterials mit dem Abraum aus Tegel und Humus, der im Zuge der Arbeiten entstand, wieder verfüllt und planiert. Das verbleibende Grubenvolumen wurde im Laufe der Periode I mit einer stark brandschutt- und abfallhältigen Einbringung vollständig verfüllt, diente nun also als Abfallgrube. Das Gelände südlich der Materialentnahmestelle lag außerhalb des untersuchten Areals.
Periode II
Für Periode II, die entsprechend des stratigraphischen Konnexes mit Haus II etwa in hadrianischer Zeit anzusetzen sein dürfte, konnten keinerlei zusammenhängende bauliche Befunde dokumentiert werden. In den angelegten Sondagen konnten lediglich isolierte Lehmböden exponiert werden, während Reste architektonischer Strukturen bislang fehlen. Obgleich die Horizonte der Periode II im Untersuchungsareal nicht flächig ergraben werden konnten, indizieren die dokumentierten Befunde, dass das nördliche Areal der Parzelle von Haus III in Periode II ähnlich gering verbaut war wie jenes von Haus II. Auch für Periode II ergaben sich aus dem Befund keinerlei Hinweise auf eine bauliche Trennung der Parzellen von Haus II und III. Zur Nutzung der Fläche gaben die Befunde keinerlei Aufschluss.
Periode III
Erst für Periode III aus der Mitte des 2. Jhs. n. Chr. lassen sich am Areal von Haus III aufwändigere Baumaßnahmen nachvollziehen. Eine Lehmziegelmauer auf einem tief gesetzten Bruchsteinfundament stellte die erste massive Ummauerung der Insula im Norden und Osten dar (M 1-2; Abb. 3: Fundamente der Bruchsteinmauern M 1 und M 2 aus Periode III von Norden). Auch nach Süden hin dürfte das Areal der sog. Häuser II und III bereits entsprechend abgeschlossen worden sein, wie die Ergebnisse älterer Notgrabungen des Jahres 1992 im Südbereich von Haus III nahe legen.
An die Ostmauer der Insula wurde ein 6,75 x 4,30 m messender Lehmziegelbau angesetzt (Abb. 4: Lehmbau der Periode III mit zugehörigen Außenhorizonten von Süden, durchschnitten von Mauer M 3 aus Periode IV), der etwa 16,80 m gegen die Südstraße zurückgenommen war und aus zwei Räumen etwa gleicher Breite bestand. Die ursprüngliche Südmauer des Gebäudes war in weiten Teilen von einer modernen Bruchsteindrainage zerstört. Die von Westen betretbaren Räume verfügten jeweils in ihrer Raummitte über eine Π-förmige, schlauchartige Lehmziegelsetzung. Diese Einbauten umfassten ihrerseits je einen Hohlraum von etwa 2,20 x 0,50 m innerer Lichte und waren an drei Seiten umgehbar, während sie sich nach Süden hin auf Präfurnia außerhalb des Gebäudes öffneten. Diesem Befund entsprechend konnten klare Spuren von Hitzeeinwirkung sowohl an den Innenkanten als auch an den Lehmböden der Schläuche festgestellt werden. Die gesammelten archäologischen Indizien deuten auf eine Funktion des Lehmgebäudes der Periode III als Darre hin. An eine nähere Bestimmung, welche Güter auf den Lehmeinbauten zum Trocknen aufgeschichtet wurden, ist vor einer Durchführung archäobotanischer Analysen der Heizschlauchverfüllungen nicht zu denken, zumal die Räumlichkeiten vor ihrer Auflassung offenbar sorgfältig ausgeräumt wurden.
Nördlich des Lehmgebäudes und parallel zu dessen Nordmauer verlief in einem Abstand von etwa 2,25 m eine etwas mehr als einen Meter breite Struktur aus dichtem Lehm. An der Ostmauer der Insula ansetzend bildete die Lehmstufe eine nach Westen hin ansteigende und zumindest bis zu 0,40 m hohe Begrenzung nach Norden hin. In Periode IV wurde die Begrenzung durch den Einbau der Mauer M 5 zerstört, wobei das spätere Bruchsteinfundament in etwas schmälerer Form dem Verlauf der Lehmstruktur folgte. Ob die Lehmstufe über einen weiteren Aufsatz verfügte, muss damit unklar bleiben. Auch die exakte Ausdehnung der Lehmbegrenzung nach Westen hin kann nicht definiert werden.
Periode IV
Nach Aufgabe der Lehmstrukturen der Periode III erfolgte im frühen 3. Jh. n. Chr. eine vollständige Umgestaltung des Areals von Haus III unter Aufnahme neuer bautechnischer Standards. Wie im Fall von Haus II kann auch für Haus III erst in dessen Periode IV, die mit der severischen Periode IV in Haus II zu parallelisieren ist, zumindest in den Fundamentbereichen durchgängig massive Steinarchitektur nachgewiesen werden.
Sowohl die Ost- als auch die Nordmauer der Insula wurden auf selber Linienführung neu errichtet. Darüber hinaus wurde im Süden eine gemeinsame Südmauer der Häuser I-III geschaffen, wie bereits frühere Untersuchungen ergaben. Eine weitere, von der neu errichteten Insula-Ostmauer im Verband nach Westen hin ablaufende Bruchsteinmauer (M 3) trennte das Areal von Haus III nun erstmals in einen nördlichen und einen südlichen Komplex. Östlich des ebenfalls neu gebauten Kernbaues von Haus II knickte die Ost-West-Trennmauer nach Süden um und separierte den südlichen Komplex am Areal von Haus III vom Garten im Süden von Haus II.
Zumindest der nördliche Teil der Parzelle von Haus III stellte ab dem frühen 3. Jh. n. Chr. einen strukturellen Bestandteil des benachbarten Hauses II dar. Dem Kernbau von Haus II war im Norden ein ummauerter Bereich vorgelagert, der sich über die Breite von zwei Parzellen erstreckte und dessen gemeinsame Nordfront zur Südstraße hin um etwa 1,20 m zurückgenommen war. Eine etwa drei Meter breite geschotterte Zufahrt, die wohl durch ein Tor in der Nordmauer reguliert werden konnte, erschloss einerseits den Bereich vor dem Kernbau von Haus II, andererseits zwei ummauerte rechteckige Hofbereiche, die dem Nordbereich sowohl im Nordwesten als auch im Nordosten eingeschrieben waren. Ein weiterer Zugangsbereich bestand westlich des westlichen Nordhofs. Über die genaue Funktion des breiten Nordbereichs, der dem Kernbau von Haus II in Periode IV vorgelagert war, lässt der archäologische Befund keine sicheren Aussagen zu.
Ein gemauerter Kanal (K 34; Abb. 5: Kanal K 34 aus Periode IV) setzte nordöstlich des Kernbaues von Haus II an und begleitete die Ostmauer des westlichen Hofbereichs, um schließlich in die Kanalisation unter der Südstraße zu entwässern, unter deren Mitte am Anfang des 3. Jhs. n. Chr. ein westöstlich verlaufender zentraler Hauptkanal angelegt wurde. Er entwässerte in den Mittelkanal unter der Weststraße, durch den die Abwässer weiter nach Norden abgeleitet wurden. Ein weiterer Abwasserkanal (K 24) unter der Gasse zwischen Haus III und Haus IV illustriert die umfassend verbesserte Infrastruktur im Bereich der südlichen Randbebauung der Südstraße. Auch er mündete in den zentralen Hauptsammler unter der Südstraße.
Die Funktionen des südlichen Teils der Parzelle von Haus III lassen sich aufgrund tief reichender Eingriffe durch die Altgrabungen kaum mehr rekonstruieren. Drei rechteckige Bruchsteinpostamente im Südbereich von Haus III sowie eine etwa 2,00 x 3,00 m messende, an die Ostmauer angesetzte Struktur lagen außerhalb des von den Nachgrabungen erfassten Areals und können somit nicht periodisiert werden.
Periode V
Wie bereits im Zuge der Untersuchungen an Haus II festgestellt werden konnte, blieb das Gebäude der Periode IV sehr lange in seinen wesentlichen Grundzügen bestehen, wenngleich für den Kernbau von Haus II mehrere Umbauten nachvollzogen werden konnten.
Auch im Bereich nordöstlich des Kernbaues von Haus II sind für Periode V einige bauliche Maßnahmen zu konstatieren, wobei die wesentlichen Grundzüge des bereits vorhandenen Gebäudes respektiert wurden. Zumindest die Westmauer des nordöstlichen Hofbereichs (M 4) wurde abgetragen und auf gleicher Linienführung erneuert. In der südlichen Flucht der Ostmauer des nordwestlichen Hofbereichs von Haus II wurde unter Berücksichtigung des hier verlaufenden Kanals eine Trennmauer eingezogen. Sie stellte einen Sichtschutz zwischen dem Bereich vor dem Kernbau von Haus II und der weiter östlich gelegenen Fläche her. Ein schmaler Durchgang ermöglichte jedoch weiterhin die Kommunikation zwischen dem westlichen und dem östlichen Abschnitt des Nordbereichs.
Daneben erforderte die Niveauerhöhung der Südstraße in deren Periode IV im frühen 4. Jh. n. Chr. eine Adaption der Kanäle, die von der südlichen Randbebauung zum zentralen Hauptsammler heranführten. Sowohl K 34 als auch K 24 wurden zumindest in ihrem Nordbereich aufgestockt. Aufgrund fehlender stratigraphischer Zusammenhänge sind die Adaptierungsmaßnahmen an den Kanälen zeitlich allerdings nicht mehr exakt mit den Umbauten am Kernbau und im Nordbereich von Haus II in Relation zu setzen.
Periode VI
Erst in Periode VI, der letzten fassbaren Bauperiode in Haus III, welche mit der letzten Bauperiode in Haus II und Südstraßenperiode V parallelisiert werden kann und in die Mitte des 4. Jhs. n. Chr. oder etwas danach fällt, erfolgte eine vollständige Umgestaltung und Neuparzellierung des Areals nördlich des Kernbaues von Haus II.
Die Nordmauer aus Periode IV (M 1) wurde ausgerissen und in übereinstimmender Linienführung auf höherem Niveau neu errichtet. Ihr wurde ein langgestreckter Raum vorgelagert, dessen Abschluss zur Südstraße hin (M 7) nun in einer Linie mit der Nordfront von Haus I lag. Für eine tabernenartige Gliederung dieses langgestreckten Raumes, wie sie in der alten Rekonstruktion angegeben wurde, konnten unter der zementierten Rekonstruktion von M 17 Indizien in Form spärlicher Reste eines Bruchsteinfundaments in Erde gefunden werden.
Südlich dieser neu geschaffenen einheitlichen Verbauung am Straßenrand konnte bereits im Zuge der Grabungen in Haus II der Einbau einer Mauer nachvollzogen werden, die bis an die Nordfront des Kernbaues von Haus II reichte und den Nordbereich vor dem Kernbau in einen kleineren westlichen und einen größeren östlichen Abschnitt teilte. Für das östliche Grundstück dieses Nordbereichs lassen sich zwei nebeneinander gelegene, rechteckige, hofartige Bereiche nachvollziehen. Im SW-Eck des östlichen Hofbereichs diente ein Brunnen der Wasserversorgung (Abb. 6: spätantiker Brunnen der Periode VI, östlich M 16). Südlich dieses östlichen Hofbereichs wurde zudem ein beheizter Raum (M 9-11) eingebaut, bei dem es sich seiner Ausstattung mit einer Kreuzkanal-Heizung nach zu schließen um einen Wohnraum gehandelt haben dürfte. Da sämtliche Lauf- und Nutzungshorizonte aus Periode VI durch die Altgrabungen abgetragen wurden, ist eine nähere Bestimmung der Funktionen der Räumlichkeiten allerdings nicht mehr möglich.
Darüber hinaus scheint es auch reizvoll, den Einbau zweier Räume im Norden des südlichen Raumkomplexes am Areal von Haus III mit der Schaffung kleinräumiger Bebauungsschemata in Periode VI in Verbindung zu bringen, wenngleich eine sichere Periodisierung aufgrund der Eingriffe durch die Altgrabungen nicht mehr möglich ist. Ein mit einer T-förmigen Schlauchheizung ausgestatteter Raum im Nordosten des südlichen Raumkomplexes wurde von einem westlich davon gelegenen, zumindest partiell überdachten Bedienerbereich beheizt.
Festzuhalten sind in jedem Falle grundlegende Änderungen in der Struktur des Gesamtgebäudes, die an geänderte Besitzverhältnisse bzw. Funktionen der Gebäude denken lassen. Auslöser für diese Änderungen könnte ein bereits mehrfach postuliertes Erdbeben der Zeit um die Mitte des 4. Jhs. n. Chr. sein, von dem das Carnuntiner Siedlungsgebiet betroffen war. Die entsprechend zu erwartenden Zerstörungshorizonte über den Laufflächen der Periode V im Areal von Haus III waren jedoch zur Gänze im Zuge der Altgrabungen abgetragen worden. Für die 2. Hälfte des 4. Jhs. n. Chr. sind darüber hinaus tief greifende infrastrukturelle Änderungen nachzuzeichnen, die das System der Wasserversorgung und Abwasserentsorgung betreffen. Der im Südwesteck des östlichen Hofbereichs von Haus III gegrabene Brunnen illustriert die nun offensichtlich kleinräumiger erfolgende Wasserversorgung. Einschneidende Veränderungen sind auch für das Entwässerungssystem nachzuvollziehen. In Straßenperiode V aus der Mitte oder der der zweiten Hälfte des 4. Jhs. n. Chr., die also tentativ mit Bauperiode VI in Haus III parallelisiert werden kann, wurde der zentrale Hauptsammler zur Gänze ausgerissen und mit Schutt verfüllt, wie bereits frühere Grabungen ergaben. Das Nordosteck der neu eingerichteten langgestreckten Raumzeile entlang der Südstraße zerstörte die westliche Kanalwange von K 24 und setzte den Kanal somit außer Funktion. Auch Kanal K 34 war nicht mehr in Betrieb.
Der Zeitpunkt der Aufgabe der Baustrukturen am Areal von Haus III lässt sich aufgrund des Fehlens der spätesten Horizonte nicht mehr mit Sicherheit ermitteln. Münzfunde der älteren Grabungen belegen eine Nutzung des Areals zumindest bis ins letzte Viertel des 4. Jhs. n. Chr.
Projektleitung: Christoph Baier