Die Ruinenlandschaft von Carnuntum wird integraler Bestandteil der niederösterreichischen Landesausstellung 2011 sein. Um das erwartete Besucheraufkommen zu bewältigen, muss westlich vor Petronell-Carnuntum, zwischen dem Ortsrand und dem Amphitheater der Zivilstadt, ein Parkplatz eingerichtet werden. Vor Durchführung der baulichen Maßnahmen haben in Abstimmung mit der Denkmalschutzbehörde die archäologischen Untersuchungen des von den Planungen betroffenen Gebiets begonnen. Als Grundlage diente eine geophysikalische Prospektion des Geländes. Im Jahr 2008 konzentrierten sich die Arbeiten auf den etwa 3.700 m2 großen, nordwestlichen Abschnitt des Parkplatzes.
Die in diesem Bereich durchgeführten Notgrabungen haben wichtige Informationen zur Ausgestaltung des Südrands der antiken Zivilstadt von Carnuntum erbracht. Entlang der Landesstraße ist hier ein sehr schlecht erhaltener Abschnitt der Stadtmauer mit vorgelagertem Spitzgraben freigelegt worden (Abb.01), nördlich davon ein schmaler Streifen des verbauten Areals der Zivilstadt. Das Gebiet wurde in den frühen Nutzungsperioden der Siedlung zum Abbau von Schotter genützt. Die dabei entstandenen, tiefen Gruben fanden Verwendung zur Entsorgung von Schutt und Abfällen. Im Zuge der Errichtung der Stadtbefestigung im ausgehenden 2. Jh. wurde hier eine Anzahl von Öfen angelegt, die vielleicht der Verpflegung der Bautrupps dienten (Abb.02). Später wurde das Areal nördlich der via sagularis (Verkehrsweg entlang der Stadtmauer) parzelliert und verbaut. Im Befund lassen sich drei überlagerte Bauphasen feststellen, die eine Nutzung des Geländes bis ins spätere 4. Jh. belegen.
Südlich der Befestigungslinie erstreckt sich eine ausgedehnte Nekropole. Sie war vom 2. bis ins spätere 4. Jh. belegt. Die Toten wurden in Brandgräbern, Urnen, Sarkophagen und Ziegelkistengräbern (Abb.3, 4) beigesetzt. Die meisten Gräber waren antik oder neuzeitlich beraubt, doch konnten auch einige ungestörte Bestattungen freigelegt werden. Der spektakulärste Befund ist wohl eine wahrscheinlich weibliche Bestattung mit reichen Beigaben. Der Toten wurden eine große Glasflasche und eine Münze ins Jenseits mitgegeben, bekleidet war sie u.a. mit einem goldgewirkten Schal. Die Textilie war vergangen, die Fäden der Goldwirkung lagen jedoch noch auf dem Sarkophaggrund. Eine Kinderbestattung enthielt ebenfalls reiche Begaben – eine Lampe, ein Krug, ein gläsernes Balsamar und eine Messerklinge zeugen vom hohen Sozialstatus der Familie.
Von Süden her zieht eine Wasserleitung durch den Untersuchungsbereich (Abb. 5). Sie ist wahrscheinlich erst in der Spätantike entstanden. Zur Abdeckung des Leitungsstrangs dienten Sandsteinplatten, die in Zweitverwendung standen und offensichtlich aus Grabmonumenten der näheren Umgebung gebrochen wurden. Mehrere Inschriftenblöcke liefern interessante Einblicke in die Demographie des antiken Carnuntum. Eine Inschrift zeugt von der Anwesenheit einer offensichtlich wohlhabenden Familie der IUDAEI, die ihrem Namen nach wohl aus dem heutigen Palästina/Israel gekommen war. Ein weiterer Block stammt vom Grabmonument des LUCIUS VARIUS VERECUNDUS, Veteran der XV Legion (Abb. 6). Er ist im Alter von 108 Jahren verstorben, seine mit ihm bestattete Frau VARIA wurde immerhin 80.
Projektleitung: Andreas Konecny