Östlich der Therme im Freilichtmuseum „Spaziergarten“ erstreckt sich ein langrechteckiger Bau, der aus beidseitig eines Korridors angeordneten Reihen gleich großer, rechteckiger Kammern besteht (Abb.1, Grabungsfläche des valetudinariums im Bildvordergrund). Im Zuge der Grabungen in den 50-er Jahren wurde er freigelegt, die exponierten Mauern mit Zementmörtel gefestigt und übermauert und die Kammern mit Böden aus in Zement verlegten Ziegelmosaiken versehen, welche den damals freigelegten Befund wiedergeben. Von den damaligen Ausgräbern wurde er aufgrund seiner regelmäßigen Kammerung als „Valetudinarium“ angesprochen. Im Zuge der laufenden Arbeiten im Freilichtmuseum haben hier bis ans Ende der Grabungskampagne 2008 Nachgrabungen stattgefunden. Die Ergebnisse ermöglichen die Nachzeichnung der Baugeschichte der Struktur.
Zu den frühesten Elementen, die im Bereich der beiden gegrabenen Räume festgestellt werden konnten, zählt ein Erdkanal, der aus dem Bereich der westlich angrenzenden Therme unter das spätere „Valetudinarium“ verläuft. Östlich des Kanals waren zwei seichte Balkengräben zu orten, die parallel von Nord nach Süd streichen (Abb. 2). Östlich vor ihnen ist der gewachsene Humus kompakt, wie festgetreten, zwischen den Balken hingegen porös. Das deutet auf einen Bretterboden hin, der über den Balken gelegen und das Erdreich darunter vor der Kompression durch Nutzung bewahrt haben könnte. Die Struktur wird von einem weiteren Balkengraben entlang der Ostflanke der Valetudinariumsparzelle gespiegelt. Wahrscheinlich hat hier eine einfache, hölzerne Halle entlang der westlichen Grundgrenze gestanden. Die östliche Grundgrenze wird von einem Balkengraben definiert, dem alle späteren Grenzmauern folgen. Die Gräben liegen im gewachsenen Humus und sind in die früheste Nutzungsperiode der Zivilstadt, in das späte 1. und frühe 2. Jh. zu datieren.´
Schwellbalkengräben und Erdhorizont werden von einer von Nord nach Süd streichenden Schotterpackung entlang der Parzellengrenze zur Therme bedeckt. Sie verfüllt auch den Erdkanal, der mit Errichtung der Therme in hadrianischer Zeit aufgelassen worden war. Der Schotterboden lässt sich auch entlang der Ostbegrenzung des Komplexes fassen und zeigt seine flächige Nutzung während des frühen und mittleren 2. Jhs. an. Eine Reihe von in Zweitverwendung stehenden Sandsteinblöcken tragen die hölzernen Stützen einer einfachen Halle entlang der Westseite des Grundstücks (Abb. 3). Der stratigraphische Zusammenhang mit der Therme datiert die Halle in die Regierungszeit von Kaiser Hadrian.
In einer dritten Phase wird der Baubestand auf der Parzelle vollständig erneuert. Die Sandsteinblöcke der Hallenstützer werden gehoben und auf neuen Fundamenten an ihren ursprünglichen Positionen neu versetzt. Seichte, mit Schotter verfüllte Fundamentgräben bilden einen vielfach gekammerten Grundriss, dessen Zwischenwände in Rutenputzfachwerk zu ergänzen sind. Als Boden dient eine nur in Teilflächen angetroffene, dünne Mörtelauflage. Im Nordosten der Anlage liegt ein größerer Raum, in dessen Boden eine große Grillgrube eingetieft ist. Sie bleibt über die gesamte dritte Nutzungsphase des „Valetudinariums“ in Nutzung (Abb. 4). Der stratigraphische Konnex mit dem östlich benachbarten Peristylhaus ermöglicht eine Datierung der neuen Anlage in die Jahrzehnte an der Wende vom 2. zum 3. Jh.
In einer vierten Bauphase wird die Anlage vollständig erneuert. Steinerne Mauersockel überlagern die Schotterfundamente des Vorgängerbaus und teilen den West- und den Osttrakt des Bauwerks in regelmäßige Abfolgen kleiner Kammern. Das Aufgehende über den schwachen Mauersockeln ist in Fachwerkbauweise zu ergänzen. Der Boden wird angeschüttet und mit einem Ziegelmosaik ausgestattet. In Raum 38 war in der Mörtelschüttung und in den noch erhaltenen Resten des Estrichs an der Ostmauer eine mittelgroße Verziegelung zu beobachten, die auf eine darüber auf dem Boden liegende Herdstelle zurückgeführt werden kann. Die Kammer dient somit zumindest temporär zu Wohnzwecken. In Analogie zur Periodenabfolge der in der Zivilstadt dokumentierten Bauten ist anzunehmen, dass der Bauvorgang in den Jahrzehnten an der Wende vom 3. zum 4. Jh. erfolgt.
Eine letzte Umgestaltung betrifft nur einzelne Teilbereiche des Bauwerks. So wird im Nordabschnitt ein Raum mit einem teilflächigen Hypokaust versehen (Abb. 5). In anderen Räumen werden einige Mauern neu errichtet. Diese Veränderungen finden wohl im fortgeschrittenen 4. Jh. statt. Am Ende es Jahrhunderts wird der Bau mitsamt der Zivilstadt aufgegeben und verlassen. Der Befund liefert kaum schlüssige Hinweise auf die Nutzung der Anlage. Eine Ansprache als „Valetudinarium“ entbehrt im Kontext einer Zivilsiedlung jedoch jede Plausibilität. Viel eher könnte es sich bei dem Bau der dritten Bauphase um eine Herberge handeln, die in der vierten Bauphase unter Umständen in einen Speicherbau umgewandelt wird.
Projektleitung: A. Konecny