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Experimentelle Archäologie

Archäologische Grabungen legen Spuren der Vergangenheit frei. Diese ergeben aber nur selten ein komplettes und sofort verständliches Bild. Vieles können wir nur indirekt erschließen, besonders was die gewöhnlichen Aspekte des Lebens in der Antike angeht. Finden Archäologen daher bei einer Ausgrabung etwa einen Gegenstand, dessen Funktion oder Bedeutung ihnen unbekannt ist, hilft oft die experimentelle Archäologie weiter: Man arbeitet das Gerät mit den gleichen Materialien nach und probiert dann, wozu es am besten zu gebrauchen ist. Auch wenn die Reste eines Gebäudes gefunden werden, wissen wir meist nicht, welcher materieller Aufwand, wie viel Zeit oder dgl. für die Errichtung eines solchen Bauwerkes vor rund 2000 Jahren notwendig waren. Dann kann es zielführend sein, einfach auszuprobieren, ob das, was Historiker oder Archäologen hypothetisch annehmen, dass Menschen damals getan haben, auch mit den Mitteln funktioniert, die in der Antike zur Verfügung gestanden sind.

In Carnuntum kommt die experimentelle Archäologie etwa bei der modellhaften Wiederherstellung römischer Wohnhäuser zur Anwendung. Hier wird mit Materialien und Werkzeug gearbeitet, die antiken Mustern entsprechen, weil sie nach originalen römischen Vorbildern, welche sich im Museum Carnuntinum befinden, nachgebaut wurden. Bei der Errichtung des römischen Wohnhauses des Tuchhändlers Lucius war aber zum Beispiel zu erfahren, welche Knochenarbeit diese Tätigkeit ohne moderne Hilfsmittel ist. Auch der Nachbau eines römischen Ziegelbrennofens und die Herstellung von Ziegeln versuchte dort Antworten zu geben, wo die Funde der Ausgrabung Fragen offen lassen: wie hoch war die Temperatur beim Brennen, wie lange dauerte so ein Brand?

Experimentalarchäologische Versuche zu antiker Bautechnik bzw. römischer Handwerkstradition liefern aufschlussreiche und einzigartige wissenschaftliche Erkenntnisse, sowohl was die Praxistauglichkeit der Werkzeuge, die Statik, die Bauzeit, als auch die Kosten für einen Bauherrn in der römischen Kaiserzeit betrifft.

Dieser besondere Zweig der Archäologie ist eine indirekte Methode zum Erkenntnisgewinn. Was heute mit Mitteln der Antike funktioniert, kann auch in der Antike funktioniert haben. Das sagt aber noch nichts darüber aus, ob es tatsächlich genauso angewendet wurde. Je näher am Alltag, desto höher die Wahrscheinlichkeit der tatsächlichen Anwendung, je weiter weg davon, desto unwahrscheinlicher. Aber oft schärft schon der praktische Umgang mit antiken Methoden auch den Blick für die Spuren, die sie im archäologischen Befund hinterlassen haben und führt zu neuen, erweiterten Möglichkeiten der Interpretation. Damit wird die experimentelle Archäologie zu einem wichtigen Hilfsmittel der historischen Wissenschaften.